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Weihnachten vor 50 Jahren
von
Peter Cremer
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Die Tage wurden immer kürzer. Wir Kinder merkten es immer zuerst. Es bedeutete für uns weniger Zeit am Tage zum Spielen im Freien. Wenn es dunkel wurde, mussten wir zu Hause sein. Und das war zu unserem Verdruss schon so gegen 16 Uhr der Fall. Dann durften wir zwar noch im Hause spielen, aber nur ganz leise und natürlich ohne unsere Freunde. Wir ärgerten uns über den verlorenen Sommer, aber gewöhnten uns auch schnell an das gemütliche Heim, während draußen die Herbststürme tobten. Damals gab es auch noch richtige Winter, so meine ich mich zu erinnern, so richtig mit viel Schnee und klarer frischer Luft und eisiger Kälte. Da es noch keine doppelt verglasten Fenster gab, bemalte der Frost alle Fensterscheiben mit bizarren Eisblumen.
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Im späten Herbst, wenn die Sonne groß und rot am Horizont untergehen wollte, meinten unsere Eltern, dass das Christkind nun anfinge Plätzchen und Lebkuchen zu backen für die Weihnachtszeit. Wenig später duftete es aber schon im ganzen Haus. Bei der Großmutter, bei der Tante und natürlich auch in unserer Wohnung roch es angenehm. Spritzgebäck wurde gebacken. Mutter hatte den Fleischwolf umfunktioniert. Ein Vorsatz am Gerät sorgte dafür, dass der Teig den Fleischwolf in verschiedenen Formen verließ, um auf das gefettete Backblech gelegt und im Herd gebacken zu werden. Es war ein riesiger blank geputzter Herd, der eine große Kochfläche hatte, einen Backofen und einen Wassertank mit heißem Wasser. Dieser Herd wurde mit Kohle befeuert und machte gleichzeitig die Wohnung mollig warm und man hörte das Feuer im Innern knistern. Mein kleiner Bruder und ich naschten gerne von dem Teig, wenn Mutter nicht zuschaute. Besonders lecker waren die ersten, noch warmen fertigen Plätzchen, wenn Mutter das Blech aus dem Backofen holte und die Plätzchen in eine große Schüssel ablegte. Heimlich stibitzten wir uns einige daraus, trotz des Verbotes; denn angeblich sollten die warmen Plätzchen Bauchschmerzen verursachen. Aber auch aus einem anderen Grund versorgten wir uns, wenn die Mutter am Backofen abgelenkt war, mit dem Backwerk und stopften uns die Taschen voll. Denn auf unerklärliche Weise, war das Gebackene am nächsten Tag verschwunden. Sie tauchten erst vereinzelt zu Nikolaus und am heiligen Abend wieder auf und füllten die Gabenteller.
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Überhaupt wurde auf einmal manches anders und geheimnisvoller: Schränke und Schubladen waren auf einmal verschlossen. Mutter, Großmutter und die Tante waren öfter unterwegs. Nicht in unserem kleinen Dorf. Sie fuhren mit der Bahn in die nahe Stadt. Wenn sie dann abends nach Hause kamen, waren sie schwer bepackt mit größeren und kleineren Paketen und die ledernen Einkaufstaschen platzten fast aus allen Nähten. Die Pakete verschwanden aber auch auf so geheimnisvolle Weise wie das Backwerk. Immer mehr Schranktüren und Schubläden waren nicht mehr zu öffnen.
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Wir Kinder wurden immer neugieriger und gespannter. Die Erwachsenen redeten vom Nikolaus und seinem Knecht Ruprecht und brachten auch des Öfteren das Christkind ins Gespräch. Besonders eindringlich wurden jetzt auch die Mahnungen an uns Kinder, dass wir nun besonders brav sein müssten, da uns ansonsten der Knecht Ruprecht zu Nikolausabend in den Sack stecken würde. Und außerdem wisse auch das Christkind über unser Verhalten bescheid. Der Nikolaus würde sogar ein dickes Buch darüber führen.
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Eingeschüchtert ob dieser Drohungen, bemühten wir Kinder uns redlich artig zu sein, damit wir nicht leer ausgingen. Auf gar keinen Fall wollten wir in den Sack des Knechtes Ruprecht.
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Eines Abend war es dann endlich so weit. Nikolaus wurde erwartet – natürlich mit gemischten Gefühlen. Wir Kinder, also auch meine Cousinen und Vettern, hockten ängstlich im Wohnzimmer auf dem Sofa. Diesmal durften wir ins Wohnzimmer, ansonsten spielte sich unser Leben in der Küche ab. Im Hausflur hörten wir plötzlich ein Glöckchen läuten. Mutter meinte, dass dies der Nikolaus sei. Wir rückten ganz nah an unsere Eltern heran. Es klirrte und etwas rasselte aneinander. Dies sei gewiss der Knecht Ruprecht mit seinen Eisenketten für die Kinder, meinte der Vater. Uns hielt nun nichts mehr. Wir klammerten uns voller Angst an die Eltern. Es klopfte und pochte an die Zimmertür, die an den Hausflur grenzte. Nachdem Mutter zum Hereinkommen aufgefordert hatte, ging allmählich die Tür auf. Eine Hand, mit einem weißen Handschuh bekleidet, wurde sichtbar. Unsere Herzen schlugen vor lauter Aufregung immer schneller. Die Tränen standen in unseren Augen und unsere vermeintlichen Sünden des letzten Jahres rasten als Gedankenblitze durch unsere Köpfe. Nein, so schlimme Dinge konnten wir nicht angestellt haben, die diese Angst auch nur annähernd begründen konnte.
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Da - eine zweite weiße Hand wurde sichtbar und warf etwas in das Zimmer. Wir pressten uns fester an die Eltern und verbargen unsere Gesichter in ihre Armbeugen. Es polterte noch etwas in den Raum und dann hörten wir, dass sich die Türe von außen schloss und das Glöckchen läutete im Flur und die Ketten rasselten ebenfalls noch einmal. Dann trat Stille ein und der ganze Spuk hatte ein Ende. Vorsichtig und behutsam hoben wir unsere Köpfe und – tatsächlich, wir waren mit unseren Eltern wieder allein im Wohnzimmer. Dann hatten wir auch wieder Mut und sammelten ein, was auf dem Boden verstreut war. Wir fanden Äpfel, Apfelsinen, Nüsse jeglicher Art, Printen, die Plätzchen und feine Schokolade.
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Die Eltern erzählten uns noch aus ihrer Kindheit und dass der Nikolaus heute noch viele Kinder bescheren müsse und dass es aus Zeitmangel nur diese kurze Vorstellung gegeben hätte. Er sei jetzt wieder mit seinem Himmelsschlitten unterwegs um Nachschub zu holen, damit alle Kinder noch Leckereien bekämen. Wir Kinder waren eigentlich froh darüber, dass der Nikolaus so in Eile war und uns deshalb eine Begegnung von Angesicht zu Angesicht erspart geblieben war.
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Nun ging es mit riesigen Schritten auf das Weihnachtsfest zu. An jedem Adventsonntag saßen wir in der Küche und sangen beim Scheine der Kerzen auf dem Adventkranz, alte Adventlieder. Beim ersten Singen war es sehr mühselig mit dem Lesen, da nur eine Kerze brannte. Von Sonntag zu Sonntag kam jedoch ein Licht dazu und es klappte immer besser. Uns Kinder ging es nicht schnell genug bis endlich alle vier Kerzen brannten. Denn dann hieß es vielleicht noch einmal oder zweimal schlafen und dann war der lang ersehnte heilige Abend da. In einem Adventgedicht heißt es:
Erst ein, dann zwei, dann drei und vier
Dann steht das Christkind vor der Tür.
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Und vor dem Christkind hatten wir auch keine Angst und es erfüllte uns auch so manchen sehnlichen Wunsch. Es war auch immer eine schöne und gemütliche Atmosphäre. Nicht nur am heiligen Abend. Gemeinsames Abendessen wie Würstchen mit Kartoffelsalat, dann gemeinsames Singen der Weihnachtslieder am herrlich geschmückten Baum und dann, ja dann kam für uns Kinder das Wichtigste: das Auspacken, der in buntem, festlichem Papier eingeschlagenen Geschenke. Besonders gut fanden wir, dass wir einmal lange aufbleiben konnten und die Eltern so richtig Zeit für uns hatten um mit uns zu spielen und unsere Freude zu teilen.
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Auf wundersame Weise waren ab jetzt auch wieder die Schlüssel da und alle Schranktüren und Schubladen bargen nichts Geheimnisvolles mehr.
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| Copyright by Peter Cremer 2002 | ||
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